Die ärzte auf Sylt:

Operation gelungen, 5000 "Patienten" begeistert

 "Die beste Band der Welt" die ärzte

Nach 13 Jahren Sylt-Abstinenz meldeteten sich die Ärzte mit einem Spitzenkonzert nach Westerland zurück. Der Hit: "Ich will zurück nach Westerland" wurde Wirklichkeit und mit ihnen kamen außer 2000 Sylter auch Fans aus ganze Deutschland und sogar Österreich angereist, um ihre Idole bei dem letzten Tour-Konzert hautnah erleben zu können. Bereits um 18 Uhr standen schon riesige Schlangen vor dem Hangar 401 am Sylter Flughafen. So ein riesiges Konzert hatte Sylt lange nicht erlebt. Ein begeistertes, exstasegleiches Gegröhle ging durch den vollgefüllten Hangar als Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigues Gonzales kurz nach 20 Uhr auf die Bühne traten und der Song "Stummer schrei nach Liebe" durch die Boxen dröhnte, die den Hangar erschüttern ließen. 3 1/2 Stunden hielt die "Beste Band der Welt"  die Trommelfelle der Fans auf Trab und heizten dem mit schillernden Outfit bewaffneten Publikum (Foto unten) kräftig ein. 

Danach gab es für alle Fans und für diejenigen, die  das Konzert nicht besucht hatten eine After-Konzert-Party, auf der die ärzte höchstpersönlich die Musik auflegten. Autogramme gab´s auch en mass.     

Ein Trostpflaster für alle, die keine Karten mehr bekamen oder einfach nicht kommen konnten, wurde der gesamte Gig life im Internet auf der Homepage der ärzte (www. bademeister.com") übertragen.  

Zwei Jahre nach ihrem Erfolgsalbum "13" und ein Jahr nach der Doppel Live-CD "Wir wollen nur Deine Seele" melden sich die Ärzte zurück. "Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!" heißt das aktuelle Werk. "So kann man doch keine Platte nennen" werden jetzt sicher viele sagen - und Recht haben sie. So kann man eine Platte nicht nennen. Aber die ärzte können. Und niemand sonst. Sie kennen keine Grenzen, brechen jedes Tabu, sind super und bedienen sich aus sämtlichen musikalischen Töpfen (außer dem Topf, wo Didgeridoo draufsteht). Und so ist "Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!" eine großartige Mischung unterschiedlichster Songs, von denen manche unfassbar sind, andere noch unfassbarer und der Rest nicht aus unserem Sonnensystem zu stammen scheint. Denkt man! (Wenn man sie hört.) Natürlich gibt es auch die typischen Pop'n' Punk-Kracher mit eingängigen Melodien und zweideutigen Texten. So etwas schaffen nur die ärzte. Aus 42 frisch komponierten Songs wurden neunzehn Perlen für das Album ausgewählt und nach allen Regeln der Kunst aufgenommen. Die anderen finden Verwendung als Bonustracks auf den Maxi-Auskopplungen, wie der ersten Single "Wie es geht", die man seit August im Radio und in den Charts bewundern kann. Auch mit der Verpackung des neuen Albums beschreiten die ärzte neue Wege. Aufwendige Fold-out-Cover und limitierte Erstauflagen ist man ja schon von ihnen gewöhnt, aber mit dem polarblauen Plüschtäschchen setzen sie neue Maßstäbe. Das erste Cover zum Kuscheln und Liebhaben. Aber wer sind diese die ärzte? Woher kommen sie? Und vor allem: Was wollen sie? 

Für alle, an denen die ärzte bisher vorbeigegangen sind, sei hier noch einmal ein kurzer Abriss ihrer Geschichte gestattet. (Profis können weiter unten weiterlesen) Gitarrist Farin Urlaub und Schlagzeuger Bela B. gründeten 1982 mit Sahnie am Bass die ärzte. Es gab keinen bestimmten Grund für diese Namensgebung; bis zum heutigen Tag ist es aber eine der am meisten gestellten (und am wenigsten originellen) Interviewfragen. 

Ziemlich schnell wuchsen sie in Berlin zu einer lokalen Größe heran und gewannen 1984 den Berliner Senatsrockwettbewerb. Mit dem Gewinn von 10.000 DM nahmen sie ihre erste Mini LP "Uns geht's prima" auf. Ende 1984 nahm sie die CBS unter Vertrag und es erschien ihr Major-Debüt "Debil", das für einiges Aufsehen sorgte und im Musik Express/Sounds prompt Platte des Monats wurde. 1986 trennten sie sich von Bassist Sahnie und ersetzten ihn durch The Incredible Hagen. 

1987 wurde die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf die ärzte aufmerksam und in einer in Deutschland beispiellosen Hetzjagd wurden die Alben "Debil" und "die ärzte" ebenso auf den Index gesetzt, wie auch das Plakat und Ticket zu ihrer "Endlich die ärzte"-Tour, welches ihr Logo, die gefesselte "Gwendoline" zeigte. Es hagelte Anzeigen und Auftrittsverbote, einstweilige Verfügungen und böse Schlagzeilen. Es gab Bürgerinitiativen und Demonstrationen (von CSU & Grünen gemeinsam) gegen sie, doch nichts konnte "Die Beste Band der Welt" aufhalten. Zielsicher manövrierten sie durch die deutsche Poplandschaft und eroberten mehr und mehr Herzen im Sturm. (Wirklich!).

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere lösten sie sich zum Entsetzen aller Fans Mitte 1988 auf, um neue musikalische Wege zu beschreiten. Die würdevolle Beerdigung wurde am 9. Juli mit einem über dreistündigen Konzert im Kursaal in Westerland gefeiert. Als Abschiedsgeschenk an die Fans erschien Ende 1988 das Dreifach-Live-Album "Nach uns die Sintflut", das als erstes seiner Art Platz eins der deutschen LP Charts belegte. Bela widmete sich danach verschiedenen Projekten, tauchte als Gast bei diversen Künstlern und Bands auf und gründete Depp Jones, Farin probierte sein Glück mit King Køng. Beiden Bands war aber kein Erfolg beschieden. Niemand wollte die ärzte ausserhalb der die ärzte hören. 

1993 geschah dann das Unerwartete: die ärzte waren wieder da! Mit Rodrigo Gonzalez, mit dem Bela B. schon bei Depp Jones zusammen gespielt hatte, meldeten sie sich mit dem Album "Die Bestie in Menschengestalt" zurück. Ihre Anzeige im Musikmarkt "die ärzte (Beste Band der Welt) sucht Plattenfirma" hatte für einigen Wirbel gesorgt und die Plattenfirmen überschlugen sich mit Angeboten.

Bei der Metronome erschien dann das Reunion-Debüt, ebenso wie die Folgealben "Planet Punk" und "Le Frisur", die allesamt Gold- und Platinstatus erreichten. Als die Metronome Deutschland aufgelöst wurde, gründeten die ärzte Hot Action Records, wo seit 1998 all ihre Tonträger erscheinen. Das bedeutet zwar viel Arbeit, aber auch viel Freude und die Möglichkeit, jeden Scheiß zu kontrollieren. Wozu schließlich sonst ein eigenes Label?

Und was wollen die ärzte? Alles tun, was ihnen einfällt, natürlich - denn es bereitet ihnen immer noch Heidenspaß, für 18,- DM Eintritt in klitzekleinen Clubs Geheimkonzerte zu geben, dann aber wieder von riesigen Festivalbühnen herunter Massen zu begeistern, oder eine streng limitierte Gratis-CD nur für die Fanclubmitglieder zu produzieren (Satanische Pferde, 1999).

Mit anderen Worten: Hätte sich diese Band nicht schon vor Jahren den an
Unverschämtheit kaum zu überbietenden Titel "Beste Band der Welt" selbst verliehen - man müsste es heute direkt nachholen. Und jetzt runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!